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Young-Jae Lee

Young-Jae Lee mit Spindelvase, Pinakotek der Moderne, München (Ausschnit), Fotograf: Haydar Koyupinar
Young-Jae Lee mit Spindelvase, Pinakotek der Moderne, München (Ausschnit), Fotograf: Haydar Koyupinar
Galerie Karsten Greve Cologne
GALERIE KARSTEN GREVE KÖLN

Arbeiten in Keramik
13. Januar - 24. Februar 2018
Vernissage: Samstag, den 13. Januar 2018, 18 - 20 Uhr
in Anwesenheit der Künstlerin
Einführung von Fr Dr. Adele Schlombs, Direktorin des Museums für Ostasiatische Kunst, Köln
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.
 
ARBEITEN
KATALOG ZUR AUSSTELLUNG
 
Die Galerie Karsten Greve zeigt erstmalig keramische Werke der koreanischen Künstlerin Young-Jae Lee. Geboren 1951 in Seoul, studierte sie in ihrer Geburtsstadt an der Hochschule für Kunsterziehung und siedelte 1972 nach Deutschland über. Im Anschluss an ein Studium der Keramik und Formgestaltung an der Fachhochschule Wiesbaden von 1973 bis 1978 leitete sie eine eigene Werkstatt in Sandhausen bei Heidelberg. 1987 übernahm Lee die Leitung der traditionsreichen Keramischen Werkstatt Margaretenhöhe in Essen, die sie bis heute innehat.

Große Beachtung findet das künstlerische Werk von Young-Jae Lee, welches kulturübergreifende Einflüsse und bildhauerische Erwägungen in sich aufnimmt, durch raumfüllende museale Präsentationen. Ausgehend von der einfachen Grundform einer Schale, einer Vase oder eines Bechers, die sich in zahlreichen Varianten weitläufig auf dem Boden ausbreitet, verteilte sie 2006 beispielsweise 1.111 Schalen in der Rotunde der Pinakothek der Moderne, München. Eine solche Inszenierung von Einzigartigkeit in der Serialität wiederholte Lee 2008 mit der Aufstellung der sogenannten „Spindelvasen“ ebendort.

Schwerpunkt der Präsentation in der Galerie Karsten Greve liegt auf diesen „Spindelvasen“. Die Gestaltungsart der Spindelvase ist angelehnt an ein hang-a-ri, ein koreanisches Vorratsgefäß, dessen runde Form sich aus der Fülle des Inhalts ergibt. Aus der praktischen Nutzung heraus entwickelt, wurde die Öffnung breiter als der Fuß geformt, um die Gefäße stapeln zu können. In Abwandlung der typischen glatten Kugelform führt Lee zwei getrennt geformte Schalen nahezu spiegelbildlich zusammen, so dass deren Ränder aneinanderstoßen und eine sichtbare Nahtstelle bilden, vergleichbar mit dem Zusammenlegen geöffneter Handflächen. Durch die niedrigen Standringe wird das Augenmerk auf die ausladende Form gelenkt, deren gebogene Außenwandungen sich in einem umlaufenden Grat zuspitzen, der als prägnant kantige Kontur zum unverkennbaren Formenmerkmal dieser Werkgruppe wird. Diese Durchdringung von Einzel- und Doppelformen spiegelt sich auch in der aktuellen räumlichen Installation. Neben den auf Sockeln platzierten Spindelvasen sind zahlreiche Schalen (als „halbe“ Spindelvasen) weitläufig auf dem Boden verteilt. In ihren zarten Nuancen öffnet sich das Weiß zum ganzen Farbspektrum hin, während die dynamischen Formationen ein geradezu kosmologisches Panorama ergeben, eine poetische Reflexion über Ursprung und Schöpfung.

Das traditionelle hang-a-ri zeichnete sich ab dem 16. Jahrhundert und der dann einsetzenden japanischen Besatzung durch seine weiße Glasur aus, die durch den Mangel an farbigen Pigmenten aufkam. Das Weiß, die Abwesenheit von Farbe, wurde zum Symbol der Trauer über den Verlust der koreanischen Identität, eine Bedeutung, die durch die in Sammlerkreisen um 1920/30 verwendete Bezeichnung „Mondtopf“ verschleiert wurde. Es ist vor allem das Weiß dieser traditionellen Vase und seine Verankerung in der koreanischen Geschichte, das Young-Jae Lee zur Keramik führte: „Überhaupt, das Weiß der Hanffaser, das Weiß des Reispapiers, das Weiß von dünnem und dickem Leinen, von Seide, die kein Bleichmittel weißer bekommt.“ (Young-Jae Lee). Nach ihrem Umzug nach Deutschland fand ihre Vorliebe für Weiß Anklang in den gemalten Fayence-Dosen und Krügen von Chardin, dem „Mädchen im weißen Kleid“ von Renoir und vor allem in den Werken von Piero Manzoni.

Obwohl Young-Jae Lee an den Weißton der koreanischen Gefäße anknüpft, behält sie die Urform des Vorläufers nicht bei. Einer minimalistischen Formauffassung folgend, verbindet Lee in der harmonischen Vereinigung der Schalen gleichwohl historische und zeitgenössische Gestaltungsprinzipien. Ihren Umgang mit traditionellen Formen bezeichnet sie als „Neudefinition“. Ihr geht es nicht um Formerfindung, nicht um ein originelles Ergebnis, sondern um die Individualität des Gefäßes, der Singularität der entstehenden skulpturalen Form. Durch den Brand im Holzofen, legen sich vereinzelt Ascheflocken auf die helle Glasur, was zu dunklen Einsprengseln, Flecken und Unebenheiten in der Oberfläche führt. Derartige Makel stehen für den Zufall, die Unberechenbarkeit, und letztlich die Einzigartigkeit des Objekts. Zudem fließt auch das Wesen des Keramikers, seine unmittelbare körperliche und emotionale Verfasstheit, in die Fertigung ein, so dass neben bewusst getroffenen Entscheidungen auch spontane Impulse und Irritationen den Verlauf bestimmen.

Die Annahme, dass die Abwandlung einer Grundform eine Vielfalt gestalterischer Variationen ergibt – die Einmaligkeit in der Wiederholung –, bestimmt Lees Arbeitsprinzip und künstlerisches Selbstverständnis. Geprägt durch ihr Studium an der FH Wiesbaden, steht nicht die entrückt-meditative Praxis, sondern das konkrete und konzentrierte bildhauerische Befassen mit einem Material, das „Hand-Werk“ im Mittelpunkt ihrer Tätigkeit. Die Modellierung einer schlichten geometrischen Form aus dem tönernen Material geschieht mit einem ausgeprägten Bewußtsein für Proportionen, die von der menschlichen Figur abgeleitet sind. Lee begreift diesen Prozess, aus dem ihre Werke als „Abstraktionen des menschlichen Körpers“ hervorgehen, als „Zähmung“ der dehnbaren, elastischen Masse unter Einwirkung der Zentrifugalkraft.

Diese durch „Zweck“, „Material“ und „Konstruktion“ bedingte Formgebung im Sinne von „form follows function“ steht in der Tradition des Deutschen Werkbundes und des Bauhauses. Auch dem Folkwang-Gedanken von Karl-Ernst Osthaus, auf den die Gründung der Keramischen Werkstatt Margarethenhöhe zurückgeht, ist Lee mit ihrem ganzheitlichen Ansatz, der die Unterscheidung zwischen künstlerischer und handwerklicher Tätigkeit hinfällig werden lässt, verpflichtet. Durchdrungen von ihrer kulturübergreifenden, universellen Auffassung von Kunst, die sich aus Musik, Literatur und Theater speist, entfalten Young-Jae Lees künstlerischen Werke als zeitlose Modelle zwischen Tradition und Innovation, jenseits von Moden und Manierismen eine individuelle, unverwechselbare Aura.

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