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Louise Bourgeois

Louise Bourgeois
Louise Bourgeois
GALERIE KARSTEN GREVE KÖLN

Works on paper
2. März - 7. April 2018
Vernissage: Freitag, 2. März 2018, 18 - 20 Uhr
 
Die Galerie Karsten Greve präsentiert in einer einmaligen Zusammenstellung Zeichnungen von Louise Bourgeois (1911-2010) aus sechs Jahrzehnten. Die Auswahl der Werke, deren Entstehungszeit zwischen 1947 und 2007 angesiedelt ist, stammt aus der Privatsammlung von Karsten Greve und spiegelt die langjährige Zusammenarbeit mit Louise Bourgeois, die in zahlreichen Ausstellungen alle Schaffensphasen des anspielungsreichen Jahrhundertwerks – bis zum Tod der Künstlerin mit 98 Jahren – beleuchtet hat. Karsten Greve richtete der Künstlerin schon 1990 in seiner 1989 eröffneten Pariser Galerie die erste Ausstellung in ihrer französischen Heimat überhaupt aus, nachdem sie ihrem Mann schon 1938 in die Vereinigten Staaten gefolgt war. Zudem bildete eine umfassende Schau mit Werken von Louise Bourgeois 1999 den Auftakt des Galeriestandorts St. Moritz.
 
Louise Bourgeois‘ früheste markanten Kohle- und Tuschearbeiten stammen aus dem Jahr 1947, der Blütezeit ihres zeichnerischen Werks, welches sich zwischen Malerei und Bildhauerei, also an der Schnittstelle zwischen Oberfläche und Raumtiefe dynamisch entfaltet hat. Die wie in Stein gemeißelten, blockhaften Formen lassen sich in Entsprechung der zeitgleich entstandenen senkrechten, statuarischen Stelen der plastischen Werkgruppe Personnages als Personifikationen von nahestehenden, fehlenden Menschen sehen, die Bourgeois mit ihrem Umzug nach Amerika in ihrer französischen Heimat zurückgelassen hatte.
 
Auch die spitzwinkligen Linienverläufe und energischen Schraffuren zeitnah geschaffener Werke verweisen auf die zerklüfteten Felsen und schroffen Hänge der Landschaft in der Region der Creuse in Zentralfrankreich, in der Bourgeois aufgewachsen ist. Die raue Bergregion bezeichnete die Künstlerin als „verlassen und steril“, Nach den schwarzen, scharf konturierten Formen der späten 40er und beginnenden 50er Jahre wandte sich Bourgeois mit der zunehmenden Verflüssigung ihres Striches –  nun mit wässriger, zartfarbiger oder leuchtend roter Aquarellfarbe gezogen – einer weichen, anthropomorphen Landschaft zu, in der die Auflösung formgebendes Moment ist. Dabei verwandeln sich Berge in Brüste und Bäume in phallische Säulen, die Grenzen zwischen menschlicher Gestalt, Gebirge und Gewächsen werden durchlässig. In den späten, 2007 entstandenen Zeichnungen der damals 96-jährigen Künstlerin, scheinen sich Formen zu verselbständigen und zu vervielfältigen, durchdringen sich weibliche und männliche Merkmale in einer schöpferischen Dynamik der Mutationen und Metamorphosen, so dass eindeutige Zuweisungen obsolet werden. Die Vielfalt polymorpher Erscheinungsformen offenbart zugleich die Vielschichtigkeit des von wechselvollen Lebensumständen geprägten Seelenlebens der Künstlerin.
 
Für Louise Bourgeois ist das „Kunstwerk eine Sprache“, deren Ursprung in seelischen Zuständen zu verorten ist. Die Zeichnung galt der Künstlerin als unmittelbares Verfahren zur Aufzeichnung von psychischen Realitäten und Äußerungen des Unterbewußtseins. Wie die spontane, ungefilterte écriture automatique der Surrealisten funktioniert der Stift dabei als Instrument des Aufspürens von Erinnerungswerten, als Seismograph der Seele. Persönliche Erfahrungen werden symbolisch verdichtet und erlangen bildhaften Ausdruck. Damit treten im Werk von Bourgeois die Formen als kraftvolle Zeichen einer höchst subjektiven Wirklichkeit auf, Chiffren elementarer Gefühlsmomente.
 
Louise Bourgeois‘ Inspirationsquelle lag stets in ihrer Vergangenheit. Insbesondere bildeten Kindheitserlebnisse und Erinnerungen an ihr Elternhaus den Ausgangspunkt für eine bahnbrechende Phantasie. „Der schöpferische Impuls für alle meine Arbeiten ist in meiner Kindheit zu suchen.“ Die Intensität der Gefühlsinhalte beruhte auf der instabilen familiären Konstellation aus Vater, Mutter und Hauslehrerin, die zugleich die Geliebte des Vaters war. Die Bildwelten der Künstlerin, deren primäre Motivation immer die Selbst-Darstellung im Sinne der Vergegenwärtigung eines eigenen, wenngleich brüchigen, Selbstbildes ist, umkreisen diese Dreiecksbeziehung und die resultierenden emotionalen Verstrickungen immer wieder.
 
Ihre Motive, einem archaischen Vokabular gleich, bilden sich als abstrahierte Verkörperungen der prägenden Figuren heraus: der herrische, chauvinistische Vater, die aufopfernde, fürsorgliche Mutter, die autoritäre Erzieherin, dazu die entfremdeten Geschwister. Bourgeois bedeckt die Fläche des Blattes mit eiförmigen, wuchernden Wülsten, die sich wahlweise zu Blütenblättern, Brüsten oder Hodensäcken weiterentwickeln, sowie mit Wolken, Wellen, Augen, Vaginae, Bäumen, Kreisen, Ellipsen, Spiralen. In Pole fleuri (1950) durchbohrt ein Stab drei Formen, deren Abwandlung durch wenige Linien jeweils eine Vulva, einen Mund oder ein Auge ergibt.
 
Nicht ohne eine selbstironische, schalkhafte Note wiederholt Bourgeois die schmerzhaften Rollengefüge durch wiederkehrende Grundformen. Eine solche repetitive Anhäufung geht bei Bourgeois mit dem „Wunsch, die Vergangenheit zu reparieren“ einher, so dass sie ihre Zeichentätigkeit mit der Restaurierung von historischen Tapisserien in der elterlichen Werkstatt vergleicht. „Glücklicherweise habe ich den Familienhintergrund, dass wir beschädigte Wandteppiche reparierten, und die Vorstellung vom Reparieren ist mir geblieben. Dinge können repariert werden. Ich habe einiges Vertrauen zu symbolischen Handlungen.“ Das dichte Gewebe von Bourgeois‘ Zeichnungen besteht aus intuitiven Gefühlsäußerungen und spiegelt die intime Zeichenhaftigkeit der Formen, sowie die emotionale Eindringlichkeit der verarbeiteten Inhalte wider.

 
 
 
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